Samstag, 4. August 2007
Beim Begriff "religiöse Rechte" mußte ich bisher primär an die
religiöse Rechte in den USA
denken. Noch stärker waren die Assoziationen beim Thema
Kreationismus, den ich noch in den 90ern für ein amerikanisches
Problem hielt, von abseitigen Äußerungen etwa von erzkonservativen katholischen
Bischöfen einmal abgesehen. Leider aber scheint es, dass der Kreationismus hier auch
hierzulande wieder zu einem Problem werden könnte. So äußerte sich z.B. die
hessische Kultusministerin Wolff dahingehend, dass die biblische Schöpfungslehre
im Biologie-Unterricht behandelt werden sollte.
Die hessische Kultusministerin Karin Wolff hat mit Kreationismus
»überhaupt nichts am Hut«, also der Idee, dass ein allmächtiger Gott für
die unendliche Komplexität des Lebens verantwortlich sei. Aber sie
spricht von »Konvergenzen« zwischen »Evolution und
Schöpfungsgeschichte«, und sie hält es für »sinnvoll«, Schüler nicht
allein mit der Evolutionslehre im Biologieunterricht zu konfrontieren.
Darwin und Nachfolger dürften nicht getrennt werden von der
»Schöpfungslehre der Bibel«, die im Religionsunterricht vermittelt wird.
Auch »noch eine andere Sicht« sei notwendig als nur die der
Naturwissenschaft.
(Josef Joffe in der ZEIT)
Eine Meinungsäußerung, die, abgesehen von wenigen (kritischen) Artikeln im
Feuilleton, weitgehend unbeachtet und folgenlos blieb. Koch stellte sich
hinter sie, und Wolff bleibt weiterhin für die Schulen in Hessen
zuständig auch ohne das von ihr verlangt wurde, zurückzurudern und ihre
Aussagen zu relativieren.
Diese Akzeptanz ist fatal. Zwar muß man sich zumindest im Moment um das
staatliche Schulwesen noch wenig Sorgen machen, doch die Entwicklungen
im privaten Schulwesen geben Anlass zur Sorge. So sagt z.B. der Politologe
Lammers nicht nur, dass
die Zahl der Menschen, die an naturwissenschaftlichen Welterklärungen
zweifelten, steigen würde, sondern er befürchtet auch, dass durch den
Trend zur Gründung privater Schulen, auch Kreationisten profitieren würden.
Ich halte diese Furcht für sehr begründet, schaut man sich derartige
Überlegungen etwa im Umfeld evangelikaler Gruppen an.
Doch man muß gar nicht so weit schauen. Auch andere Entwicklungen geben Anlaß
zur Sorge. In Hamburg etwa, wo, nach der Verabschiedung des
Staatsvertrages, die katholische
Kirche plant aus dem bisherigen Modell des interkonfessionellen Unterrichtes
auszusteigen, ist zu befürchten, dass auch dies zur Erosion
wissenschaftlicher Grundbildung führen könnte. Zwar ist die offizielle
Position der katholischen Kirche mit Hinblick auf die Schöpfungslehre
durchaus vernünftig, die Position vieler Kleriker auch in hohen Positionen
(etwa Mixa oder Schönborn) jedoch eher durch religiösen Fanatismus
gekennzeichnet. Und für die nahe Zukunft wird auch eine andere Entwicklung
interessant werden: der Anteil der Muslime in Hamburg wird in den nächsten
Jahrzehnten deutlich steigen. Auch hier gibt es sehr unterschiedliche
Positionen, die von "verhältnismäßig aufgeklärt" bis hin zu einem
wissenschaftsfeindlichen religiösem Dogmatismus reichen.
Lord Ralf
Dahrendorf hat vollkommen recht, wenn er in der Gegenaufklärung eine
ernsthafte Bedrohung sieht, der man jetzt kämpferisch
entgegentreten müßte.
Today’s counter-Enlightenment fashion can easily get out of hand. Those
who are committed to liberty must learn to appreciate and defend it now,
lest they someday have to fight to get it back.
Sonntag, 24. Juni 2007
Ich bin heute über eine interessante
Metastudie der amerikanischen
Psychologenvereinigung, APA, zur
Sexualisierung junger Mädchen und Frauen gestolpert. In der
Studie sind einige interessante neue Sichtweisen auf das Problem der
zunehmenden Sexualisierung zu finden.
Ich möchte an dieser Stelle exemplarisch lediglich ein paar Befunden
anbringen, die ich aus einer schulpolitischen Perspektive heraus
interessant fand, wie zum Beispiel die Feststellung, dass der
Kleidungsstil junger Frauen maßgeblichen Einfluß auf ihre kognitiven
Leistungen hat. Je freizügiger sie sich kleiden umso mehr betrachten
sie sich mit dem Auge des potentiellen Betrachters
(Selbstobjektivierung), was wiederum zur Fragmentierung
der Aufmerksamkeit führt, weshalb sich die kognitiven Leistungen
signifikant verschlechtern. Diese Befunde liefern auch eine
interessante neue Erklärung dafür, warum Mädchen in koedukativen
Physik- oder Mathekursen im Allgemeinen schlechter abschneiden als in
reinen Mädchenkursen:
This may not be solely because boys would otherwise
dominate the classroom (one popular explanation for the success
of single-sex math classes for girls) but also because without
boys, girls can literally take their minds off their own bodies
and think more effectively.
"APA Metastudie: "Sexualization of Girls"" vollständig lesen
Freitag, 9. Juni 2006
Religion und Wissenschaft sind verschiedene Dinge. Diese Auffassung schien in diesem Lande (und in Europa generell) mehrheitlich konsensfähig. Insofern betrachtete ich die Auseinandersetzungen um das sog. "Intelligente Design" (eine kreationistische Lehre in pseudowissenschaftlichem Gewand) in den Vereinigten Staaten zwar mit Interesse, aber nur
bedingt mit der Sorge, dass es hier zu ähnlich unschönen Auseinandersetzungen kommen könnte. Dies auch angesichts solcher Tatsachen, dass der Papst Ende der 90er Jahre erklärte, dass die Evolutionslehre durchaus mit dem christlichen Glauben zu vereinbaren ist, oder das in Umfragen regelmäßig festgestellt wird, dass viele Christen fundamentalen Lehren des Christentums nicht mehr glauben. So glaubt nicht einmal mehr ein Drittel aller bekennenden Christen an die Auferstehung Jesu Christi. Auch die Vorstellung eines persönlichen Gottes schwindet. Jan Roß schrieb aufgrund solcher Entwicklungen vor einen paar Jahren einen prägnanten Artikel in der ZEIT, den ich hier zu gerne verlinkt hätte, in der er beschrieb wie sehr "Gott" im Laufe der Zeit immer ätherischer, die Gottesbilder immer abstraktiver wurden, und betitelte ihn, wenn ich mich Recht erinnere, passender Weise mit der Frage "Wo ist Gott?".
Diese zunehmende Differenzierung und Abstrahierung ist aus kulturhistorischer oder soziologischer Perspektive nicht verwunderlich. Individualisierung, Aufklärung oder (dieser diametral entgegenstehend) zahlreiche Einflüsse anderer Religionen und esoterischer Weltbilder, sowie natürlich auch die mit der Säkularisierung einhergehende geringere Autorität der Kirche(n) (die frühen Christen etwa hatten ganz andere, weniger "christliche" Möglichkeiten mit gnostischen Häretikern umzugehen, man muß nicht unbedingt die katholische Inquisition bemühen...) mögen als Stichworte reichen.
Mir schien es also im wesentlichen so, dass die intelligenteren Gläubigeren einer Anschauung folgten, für die Stephen Jay Gould den Begriff "Non-overlapping magisteria" popularisierte. Eine vergleichsweise aufgeklärte Anschauung also, die die Religion in klar definierte Schranken verweist und ihr gleichwohl nicht jegliche Existenzberechtigung abspricht.
Leider habe ich zunehmend den Eindruck, wenn ich mir die Diskurse zum Verhältnis Wissenschaft und Religion anschaue, zunehmend mehr gebildete Gläubige die Rolle rückwärts zu machen. Ein Paradebeispiel dafür schildert die ZEIT in einem sehr
gelungenem
Artikel zur amerikanischen Templeton Foundation, die zunehmend auch in Europa aktiv wird um auch hier daran zu arbeiten, die Kraft des Glaubens oder gar Gottes Existenz empirisch zu beweisen. Anstoß für den Artikel gab wohl der überaus lesenswerte Essay des amerikanischen Wissenschaftsjournalistens John Horgan, der sich von der Stiftung hatte fördern lassen und nun über seine ambivalenten Gefühle darüber schrieb. Sehr aufschlußreich ist auch die Folgediskussion, hochkarätiger Wissenschaftler und Wissensschaftsjournalisten, von denen einige zu verschiedenen Zeitpunkten sich haben von der Stiftung fördern lassen. Die Templeton Foundation scheint sehr genau zu wissen, welche Menschen zu den überragenden Multiplikatoren gehören und sehr bemüht diese für Ihre Zwecke einzuspannen.
Angesichts solcher Diskurse oder stammtischtauglicher stoiberischer Vorstellungen, man müsse "Verletzungen des Heiligen" leichter ahnden können, muß ich leider festellen, dass sich dieses dialektische Konzept offenbar nicht bewährt. Vielleicht also sollten auch aufgeklärte Intellektuelle zukünftig weniger um Versöhnung bemüht sein, als darum den Gegenpositionen Raum zu verschaffen und den Glauben vehement in seine Schranken zu verweisen. Das Konzept der NOMA im Gouldschen Sinne, dass mehr die Vereinbarkeit beider Gebiete betont anstatt ihre Gegensätze, mag sich als "operative Theorie" im Umgang mit aufgeklärten Gläubigen bewähren. Es ist aber leider auch ein gänzlich ungeeignetes Mittel um dem Obskurantismus etwas entgegenzusetzen und verdeckt eher Probleme als sie zu lösen. Wissenschaft und Glaube - das geht nicht zusammen!
Freitag, 12. Mai 2006
Jan Philipp Reemtsma hat im Merkur einen ganz wunderbaren Artikel über das Problem der Willensfreiheit geschrieben. Ein unbedingt lesenswerter Artikel, gerade auch für die Herrn Singer und Roth, die leider vom Naturalismus nicht viel mehr verstehen als das, was ihre Arbeit hergibt, und allerorten erzählen, wir bräuchten ein neues Weltbild und damit z.B. den ollen Habermas in alarmistische Aufregung versetzen.
Die neuronalen Prozesse legen sich nicht selbst als Ergebnis ihrer selbst fest. Wenn »die Entscheidung« aber nicht identisch ist mit den neuronalen Prozessen, dann muß sie etwas von ihnen Getrenntes sein. Das heißt Singer muß eine Metaphysik, die er eigentlich bekämpft, wieder einführen, um nun zu einer deterministischen Behauptung zu kommen. Das, möchte man meinen, kann sein Ernst nicht sein: Ja, es gibt etwas - wo eigentlich? -, das nicht identisch mit den Hirnvorgängen ist, die mit dem Vokabular der Wissenschaften beschreibbar sind, aber es ist nicht frei, sondern determiniert. Ergibt das irgendeinen nachvollziehbaren Sinn? Kaum.
Singer macht hier etwas, was viele Autoren tun, denen es um ähnliches geht. Sie sprechen von »ich« und »wir«, als handelte es sich dabei nicht bloß um grammatische Formen, mit deren Hilfe es uns gelingt, selbstbezüglich zu sprechen, sondern um Instanzen oder Substanzen. Es ist erstaunlich, wie wenig Hirnforscher sich mit ihrem Gehirn identifizieren können. Nicht »wir« handelten, sondern unser Gehirn, nicht »wir« dächten, sondern unser Gehirn - oder »wir« benutzen unser Gehirn zum Denken. Alle diese schön-schaurigen Dementis unserer Freiheit verdanken sich der Fortexistenz einer dualen Sprechweise, die für mehr als eine Façon de parler zu halten ja gerade kritisiert werden soll.
Reemtsma ist ein brillianter Essayist und dieser Artikel einer der besten, die ich seit langem zu dem Thema las.
Sonntag, 22. Januar 2006
Ich habe heute wieder zu viel dummes Zeug über Wachstum gehört. Deshalb etwas anderes. Ob nun 2100 oder 2200 ist mir eigentlich egal - ich hoffe Nachhaltigkeit wird schon vorher ein ähnlich populäres Thema wie das Wachstum...
Montag, 10. Oktober 2005
Im aktuellen DJI-Bulletin sind Ergebnisse der aktuellen Forschung zum Erziehungsverhalten und dessen Einfluß auf die Verhaltensentwicklung bei Kindern zu lesen, die wenig überraschen:
In der Tat korreliert ein strenger Erziehungsstil der Eltern signifikant mit höherer Aggressivität der Kinder. Auch wenn Mütter ihre Kinder ohrfeigen oder ein schlechtes Familienklima beklagen, geht das signifikant mit einer höheren Aggressionsneigung ihrer Kinder einher.
... deren Datengrundlage und Methoden Du nicht kennst! Die ZEIT schreibt über einen kleinen Skandal, der leider weitgehend unbeachtet bleiben wird. Die Zahlen, die uns in der Demographiefrage stehts genannt werden (und die auch ich schon mehrfach wiedergab), basieren auf fragwürdigen Annahmen.
„Tatsächlich tappen wir bei der Kinderlosigkeit ziemlich im Dunkeln“, sagt Michaela Kreyenfeld, Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock, „denn verlässliche Daten gibt es in Deutschland dazu nicht.“ Anfang Oktober hat die Demografin ihre Forscherkollegen nach Rostock geladen, um das deutsche Datendilemma zu diskutieren. Was in der öffentlichen Debatte meist unerwähnt bleibt, ist den Wissenschaftlern lange bekannt: Die Daten der amtlichen Statistik zur Kinderlosigkeit sind nutzlos. Auch die Standesämter melden zwar jede Geburt, zählen aber deren Reihenfolge pro Frau nur innerhalb einer bestehenden Ehe. Heiratet eine Mutter erstmals oder wieder, springt der Zähler wieder auf Null. Für heutige Familienverhältnisse ist kaum nachvollziehbar, ob eine Frau wirklich nie, oder nur scheinbar nie geboren hat.
[...]
Es sei absichtlich verhindert worden, dass die Daten ein realistisches Bild der Kinderlosigkeit zeichnen könnten. Das konservative Familienbild mit der Mutter am Herd lasse sich eben besser aufrecht erhalten, wenn es so aussehe, dass die Familienplanung emanzipierter junger Akademikerinnen grandios scheitere. Eine gewagte These, könnte man meinen. Wäre da nicht ein weiteres Detail: Der von der Union dominierte Bundesrat stimmte nicht nur gegen die Kinderfrage, sondern strich auch die Frage zum Wunsch nach Kinderbetreuung aus dem Mikrozensus. Eine Zahl, die den Verfechtern der Vereinbarkeit von Beruf und Familie schmerzlich fehlen wird.
Kurzum: ein sehr lesenswerter Artikel über die Fragwürdigkeit mancher demographischer Daten und über politische Maneuver, die eine vernünftige wissenschaftliche Politikberatung zu verhindern helfen.
Dienstag, 4. Oktober 2005
Heute fand ich bei Isotopp den Hinweis auf einen interessanten Artikel der
Times vom 27.9., in dem diese titelt "Societies worse off 'when they have God on their side'".
Zuvorgeschickt: ich glaube es handelt sich um eine dieser vielen "Studien", die man nur in Anführungszeichen schreiben sollte, aufgrund zumindest eigensinniger Interpretation der Daten. Soweit aus dem Artikel zu entnehmen, verglichen die Autoren bestimmte Merkmale verschiedener eher säkulärer Gesellschaften mit den, zumindest in kultureller Hinsicht, weniger säkulären Vereinigten Staaten. Sie verglichen u.a. Merkmale wie Häufigkeit von Morden, Abtreibungen, Selbstmord, Teenagerschwangerschaften und Geschlechtskrankheiten.
Und in dieser Hinsicht ist die "Studie" dann tatsächlich interessant. Zwar kann man m.E. aufgrund dieser Daten kaum seriös behaupten, dass religiöse Gesellschaften (man beachte den Plural, obgleich lediglich die Vereinigten Staaten untersucht wurden!) per se schlechtere Lebensbedingungen mit sich brächten, aber sehr wohl sehr schön zeigen, das Areligiösität nicht, wie viele Gläubige gerne behaupten, zum Verfall der Sitten beträgt oder zu schlechteren Lebensbedingungen. Gerade im Fall der Sexualität führt die bigotte Gläubigkeit der Amerikaner...
Mr Paul said that rates of gonorrhoea in adolescents in the US were up to 300 times higher than in less devout democratic countries. The US also suffered from "uniquely high" adolescent and adult syphilis infection rates, and adolescent abortion rates, the study suggested.
... eher zu einem deutlch geringeren Gesundheitsbewußtsein.
Update (21.11.2005): Telepolis berichtet detailierter.
Montag, 1. August 2005
In Großbritannien werden derzeit keine gentechnisch veränderten Pflanzen (GVO) kommerziell angebaut. Allerdings zeigte eine groß angelegte Feldstudie auf der Insel bereits negative Auswirkungen von herbizidresistenten GVOs auf die Biodiversität. Weniger Wildkräuter und weniger Insekten bei HR-Raps und HR-Rüben, so das ernüchternde Ergebnis. Und - obwohl es kaum ein Wissenschaftler für möglich gehalten hätte ? fand sich jetzt sogar ein Superunkraut, das bei diesen - inzwischen beendeten - Freilandversuchen mit herbizidresistentem Raps entstanden war. Das Erstaunliche: Der Wildsenf enthält das Genkonstrukt des herbizidresistenten Raps.
Mehr dazu gibt es bei Telepolis zu lesen.
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