Alle paar Jahre wieder gibt es in der Netzwelt irgendwelche Moden, die sich weniger durch eine bestimmte Optik als durch gewisse Anschauung auszeichnen. Diese Moden, nennen wir sie "Hypes", haben eines gemeinsam: die Diskussion über sie ist in großem Maße selbstreferentiell, sind
jedem der sich in dem Medium selbstverständlich bewegt selbst verständlich bekannt, aber darüber hinaus nur für gelegentliche Meldungen außerhalb der virtuellen Welt gut. Während mich eine dieser Moden, die allgemeine vorallem im angelsächsischen Sprachraum vorzufindene "Web 2.0"-Euphorie, eher zum Gähnen bringt, finde ich die andere, die spezielle "Blog-Euphorie und Wiki-Manie", ganz interessant. Dies vorallem deshalb, weil ich lange glaubte, dass sie ein Paradebeispiel dafür ist, wie leicht man etwas überschätzt, das ein lieb gewordenes Interessensgebiet ist.
So gibt es seit langem "Blogger", die in geradezu manischer Weise Utopien beschwören, etwa eine "Renaissance der Demokratie" progagieren, für die die neuen medialen Technologien Katalysatoren sind. Eine neue Kultur der Teilhabe wird beschworen wird, die Möglichkeit zumindest großer publizistischer Macht für den Einzelnen, der einhergeht mit einem Bedeutungsverlust der tradionellen Medien. An diesem Punkte scheiden sich die Geister: denn was für die einen Chance und Segen, ist für die anderen ein Gräuel vor den Herrscharen von Amateuren, die in der Summe zu einem höheren Maße an medialer Desinformation beitragen. Mein Eindruck ist allerdings der, dass sich die Debatte zunehmend versachlicht. So merken die Wikipedia-Kritiker zunehmend, dass die Wikipedia durchaus einen Nutzwert hat, während Wikipedianer merken, dass offene Systeme auch so ihre Probleme haben und es mit einem einfachen Rollback bei offensichtlichen Schmierereien nicht getan ist.
Was die Blogosphäre, das ist sozusagen der virtuelle Raum der untereinander vernetzten und verlinkten Weblogs, anbelangt, so ist eine beliebte Äußerung von Weblog-Autoren die der publizistischen Macht. Ich habe von dieser Position nie viel gehalten. Meine Argumentation ist einfach. Es gibt derzeit zwar schon eine riesige Zahl an Weblogs, die aber doch noch insofern überschaubar ist, als dass die Anzahl der vielgelesenen Weblogs verhältnismäßig gering ist. Hier wird es eine Diversifizierung geben. Schaut man sich den aktuellen status quo an, so kommt man nicht um den Eindruck umhin, dass die meisten Debatten, wenn es denn solche gibt, in kleinem Kreise geführt werden. Von einem Ersatz für Printmedien, vorallem zum Zwecke der Herstellung einer gemeinsamen Öffentlichkeit, sind sie nur bedingt geeignet. So war ich also im wesentlichen der Auffassung, dass Weblogs vielleicht eine Informationsquelle mehr sind, auch für Journalisten, die aber in ihrer Bedeutung nicht viel herausragender sei als etwa ältere Medien wie Mailinglisten oder Netnews. Diese Auffassung muß ich, zumindest in Teilen, revidieren.
Seit Tagen haben die Saubermänner von Transparency International Imageprobleme. In der der Presse (von der Tagesschau bis zur Süddeutschen Zeitung) ist über die Kündigung einer ehemaligen Angestellten zu lesen und dem harten Umgang der Organisation mit ihrer Freundin, die das Ereignis in ihrem Weblog publizierte. Mittlerweile ist die Angelegenheit vom Tisch. Es stellt sich allerdings einmal mehr die Frage, ob Weblogs nicht doch eine gewisse publizistische Macht zuerkennen muß, die über die Macht anderer "Quellen" hinaus geht. Man darf zurecht bezweifeln, dass ein direktes Schreiben der Bloggerin z.B. an die Tagesschau ausgereicht hätte, dieses große Maß an Öffentlichkeit herzustellen. Es ist wohl doch so, dass Weblogs zumindest derzeit eine gewisse publizistische Macht haben, zumal dann wenn sie in der "Blogosphäre" gut verlinkt sind. Allerdings sollte sich m.E. auch die Frage stellen, ob hinter der vermeintlichen Macht der Blogger nicht eine andere, viel größere (wenn auch weniger sichtbare) Macht steht. Denn letzten Endes gibt es ziemlich genau zwei Wege wie Themen aus dem Reich der Weblogs in die traditionellen Medien gelangen:
- Ein Journalist liest eines der beteiligten Weblogs und sieht einen hinreichend großen "Neuigkeitswert" in dem Thema.
- Ein Journalist recherchiert zu einem Thema und eine Suchmaschine, mit hoher Wahrscheinlichkeit Google, liefert die passenden Links.
Derzeit ist es so, dass mit den Algorithmen, mit denen Google Links plaziert, Weblogs gegenüber anderen Datenbeständen tendenziell bevorteilt werden. Dies hat verschiedene Gründe: u.a. an die dynamischen Natur von Weblogs, den regelmäßigen Updates und vorallem der hohen Anzahl der auf sie verweisenden Links. Aufgrund des PageRank-Algorithmus, für den die Zahl der Links auf eine Seite, ein Indikator für die vermeintliche Güte der Seite ist, ist es, besonders für etablierte Weblogs ein leichtes bei bestimmten Themen eine gute Plazierung zu erhalten. Dieser Effekte lässt sich auch bei weniger etablierten Seiten gut beobachten. Ich hatte bis Anfang dieses Jahres die Indizierung meiner Seiten unterbunden und sie nirgends öffentlich announciert, so dass es nur im engeren Bekanntenkreis bekannt war und nur von diesem (un)regelmäßig frequentiert wurde. Anfang des Jahres änderte ich dies. Primär aus dem Grund, weil ich neugierig war und mir selbst einen Eindruck über Googles-Ranking-Mechanismen verschaffen wollte. So war ich ziemlich erstaunt, binnen kürzester Zeit zahlreiche Abfragen zu einem alten "Boykott-Sony-Artikel" zu erhalten, die allesamt von Google kamen. Es stellte sich heraus, dass mein Weblog bei bestimmten Schlüsselworten gar nicht schlecht plaziert ist (einigen Kombination liegen seit Wochen auf Platz 1). Angesichts der geringen Bedeutung und der wenigen eingehenden Links fand ich die Plazierung schon ein wenig erstaunlich, zumal sie zahlreiche Seiten mit deutlich größerem Leserkreis und nicht unbedingt geringerer Qualität hinter sich lies.
Die Anekdote macht eines deutlich: es ist mit etwas Know-How und geringem Aufwand für Blogger derzeit relativ leicht möglich gute Plazierungen bei der marktbeherrschenden Suchmaschinen zu erzielen. Ohne Google wäre Transparency nicht auf die Geschichte gestoßen, hätte den Stein nicht ins Rollen gebracht und ohne Google hätten Journalisten (von den blogbegeisterten einmal abgesehen) vermutlich nicht rausgefunden, welcher Aufschrei der Empörung durch die noch überschaubare "Blogosphäre" gegangen ist. Der Hype wird irgendwann vorbeigehen und die Zahl der Weblogs steigen. Damit wird ein Schwinden der Aufmerksamkeit für einzelne Weblogs einhergehen. Und auch die Ranking-Algortihmen werden Weblogs vermutlich irgendwann nicht mehr übervorteilen, so dass die Aufmerksamkeit die kleine Weblog-Gemeinschaften erzielen können, auch hierdurch geringer wird.