Ich möchte auf einen wirklich lesenswerten Artikel hinweisen. Auf einen Artikel, nach dessen Lektüre ich dachte: Endlich! Endlich mal wieder ein Artikel zu einem Thema, dass mich interessiert und bei dessen Lektüre ich nicht stets "Schon-Gelesen" denke. Ein Artikel der Art, wie ich ihn gerne wieder öfter in meiner Wochenzeitung der Wahl lesen würde.
Zwar relativierte sich meine anfängliche Begeisterung etwas, nachdem ich in Erfahrung gebracht hatte, warum mir der Name des Autoren bekannt vorkam. Er veröffentlichte an anderer Stelle eher Fragwürdiges, etwa gemeinsam mit einem Autoren namens Heribert Illig, der unterhaltsame Behauptungen über die Nichtexistenz Karl des Großen aufstellt oder über dreihundert Jahre erfundener Geschichtsschreibung. Meine Begeisterung wich also einer gewissen Ambivalenz, was freilich nicht gegen den Artikel spricht, denn ich bin ja schon groß und weiß, dass Vorsicht stets ein guter Ratgeber ist, gerade dann, wenn viele Daten dargeboten werden. Entscheidend ist doch, die ZEIT ist kein schulisches Lehrwerk, sondern manchmal durchaus noch Plattform für Diskurse und Gedankenspiele. Wenn auch viel zu selten.
Ich weiß nicht, ob ich (auch?) der Nostalgie anheimfalle, wenn ich an die "glorreichen alten Zeiten" denke, die bei mir freilich nur etwas mehr als ein Jahrzehnt zurückreichen, oder ob das Blatt an Qualität verloren hat. Es wäre durchaus denkbar, dass es früher eher Impulse gab, weil ich mit 16 leichter zu beeindrucken war - und sei es nur mit ein paar Fremdworten, die ich noch nicht kannte. Was auch immer der Grund ist, ich lese das Blatt mittlerweile eher mit einer gewissen Routine. Man "kennt" viele der Autoren und weiß was sie wohl ungefähr schreiben und wie sie es kommentieren werden. Und mitunter bemerkt man die große Langeweile und wäre nicht unfroh, wenn eine Reizfigur wie Sloterdijk, die mir sonst eher das kalte Grausen einjagt, mal wieder eine Menschenpark-Rede halten würde...
Der medial vermittelte politische und gesellschaftliche Diskurs ist gähnend langweilig geworden. Zu oberflächlich, zu inhaltsarm ("Mehr Reformen!" sagt erstmal nichts), zu wenig kontrovers und auch zu kleinkariert. Oja, man streitet sich. Ständig. Aber wenn ich mir dieses Streiten angucke, dann ist die Christiansenierung der Republik auch in den gedruckten Medien sehr weit fortgeschritten. Wenn ich ehrlich bin, dass einzige Blatt, dass ich in diesem Jahr mit richtigem Genuss gelesen habe und das dauerhafte Erkenntniszuwächse mit sich brachte, war die Le Monde Diplomatique, die ich anfangs des Jahres glücklicherweise zufällig wiederentdeckte und somit auf mein mediales Radar zurückholte. Insbesondere die Dossiers, ob über Wasser, den Irak oder die U.N. waren interessant, lehrreich und vorallem nicht nur oberflächige Häppchen in Meldungslänge und auch an einen brillianten Essay von Jan Philip Reemtsma über die Religion und Säkularismus erinnere ich mich gern.
Nun ist es ja nicht so, dass ich geistig total verkümmern würde. Ich habe mir über die Jahre ein recht weiten Horizont über den Zeitschriftenmarkt gebildet. Und es gibt durchaus gute und anspruchsvolle Titel. Aber: die meisten sind thematisch orientiert, mitunter sogar sehr spezialisiert, während andere widerum nur schwer zu bekommen sind, wenn sie nicht im Abo bezogen werden. Die Nachteile liegen auf der Hand: höherer Beschaffungsaufwand oder die höheren Kosten eines Abos und insbesondere zunehmende thematische Einengung, weil es notwendig wird, die Auswahl einzugrenzen. Der weit gravierende Nachteil: es handelt sich bei solchen Publikationen primär auch um welche, in denen vorrangig wissenschaftliche Erkenntnisse dargestellt werden. Sie beschränken sich oft also auf die Deskription. Ein Diskurs, der Handlungsdimensionen jenseits der reinen Wissenschaft einschließt ist, ist dabei natürlich nicht zu denken. Die gesellschaftliche und insbesondere auch politische Dimension bleibt außenvor.
Was bleibt sind Lettre International (die mir, in den Ausgaben die ich las, zu viel literarische Blafasel enthielten und zu viel psychoanalytisch oder postmodern orientierte Autoren, und insofern von mir auch zukünftig eher unregelmäßig gelesen werden wird) oder natürlich die "Blätter", die ich gerne lese, denen aber wieder der Zeitungscharakter, besonders im Hinblick auf thematische Breite und die Möglichkeit der Debatte, fehlt. Schade, zu schade, das aus Abstand nichts geworden ist.
Ach, der Artikel!? Warum ich mir mehr, trotz teilweise unsäglicher Diktion ("die Anglos"), davon wünsche? Unter anderem deshalb:
Die USA (lediglich 1 Prozent Muslime im Jahr 2005) werden islamischem Druck am längsten widerstehen können. In Deutschland (3,7 Prozent Muslime im Jahr 2005) hingegen könnte gegen 2050 / 2060 eine muslimische Mehrheit erreicht sein. Die käme aber in viel höherem Ausmaß durch Einwanderung zustande als in Frankreich, das diesen Anteil bereits aus eigener Kraft erreichen kann. Die deutsche Bevölkerungsprognose für 2050 läge ohne 140 000 Einwanderer und ihre hier erwarteten Kinder jährlich bei weniger als 50 und nicht bei 67 Millionen.
... auch wenn das nicht das zentrale Thema dieses fast apokalyptischen Artikels ist, auf den ich mir doch sehr eine Antwort wünschen würde...