... kommentiert Kristian Köhntopp sehr treffend eine Heise Online Meldung.
Heise schreibt:
Moderne Herzschrittmacher und implantierbare Defibrillatoren verfügen über
eine Funkschnittstelle, mit der Ärzte ohne nochmalige Eingriffe in den
Patienten protokollierte Daten über die Funktionen des Geräts auslesen
und neue Einstellungen vornehmen können. Dabei ist es etwa beim
Herzschrittmacher möglich, den Takt komplett abzuschalten oder ihn zu
Testzwecken hoch- oder runterzufahren.
Computerspezialisten der University of Washington und Massachusetts
haben sich mit einem weit verbreiteten Modell des Herstellers Medtronic
hinsichtlich der Sicherheit beschäftigt und das Übertragungsprotokoll
zwischen implantiertem Gerät und Diagnosegerät analysiert. Anschließend
waren sie mit einem Software Defined Radio in der Lage, mit dem Gerät zu
kommunizieren und beispielsweise Stromstöße über den Defibrillator
abzugeben. Somit wären Fremde in der Lage, auf die Gesundheit anderer
Personen Einfluss zu nehmen.
Erschreckend an dieser Meldung ist die Tatsache, dass die Technologien
offenbar entweder von Leuten entwickelt wurden, die einen zu dürftigen
Background in Fragen der IT-Sicherheit haben oder aber Schutzmechanismen
bewußt nicht implementiert wurden, z.B. aus Kostengründen.
Die Meldung ist aber auch noch für etwas anderes gut: sie macht einmal mehr
anhand eines neuen Szenarios deutlich, in welcher Weise
Informationstechnologien unser tägliches Leben beeinflussen und wie wenig
bewußt wir uns dessen mitunter sind: wie viele Chirurgen werden sich vor der
Implantierung derartiger Schrittmacher wohl über die
Sicherheitsimplikationen der implementierten Geräte Gedanken machen? Und
welcher Patient, außer vielleicht Fachleute oder interessierte Geeks, wird wohl
vor der OP nach solchen Feinheiten fragen?
Es ist deswegen ein wichtiger und richtiger Anspruch, dass sich Entwickler
derartiger Systeme Gedanken um solche Fragen machen sollen. Dieser Anspruch
müßte gewissermaßen Eingang in den Arbeitsethos der Entwickler finden.
Gleichwohl ist realistisch gesehen nicht davon auszugehen, dass dieses in
absehbarer Zeit mehrheitlich der Fall sein wird. Umso wichtiger wird die
Bewußtseinsbildung für den Verbraucher, den Kunden oder wie in diesem Fall
den Patienten! Denn dieses Beispiel ist ja nur eines von vielen und
zumindest derzeit relativ unbedeutend, wenn auch spektakulär. Viel
bedeutender sind aus meiner Sicht die alltäglicheren Fragen, etwa jene
nach der informationellen Selbstbestimmung oder aber die nach der Sicherheit
neuer Technologien etwa im Bereich der Ernährung.
Was die IT betrifft, frage ich mich mittlerweile zunehmend, ob es wirklich zweckmäßig
ist, die IT-Grundbildung (in der Fragen der IT-Sicherheit bislang leider
keine Rolle spielt) als Querschnittsaufgabe anzusehen. Ähnliche Defizite
bestehen in Fragen der allgemeinen Technikfolgenabschätzung. So lobenswert
die Grundidee ist, so wenig aussichtsreich scheint mir derzeit die Umsetzung.
Denn: wer soll diese Aufgabe übernehmen, wenn die durchschnittlichen
Lehrer (und damit meine ich nicht nur die alten!) damit überfordert werden,
weil ihnen schlichtweg die Kompetenzen dazu fehlen? Es mag sein, dass ich, da
ich mich professionell mit der IT beschäftige, diese Frage naturgemäß etwas
überbewerte. Gleichwohl denke ich, dass meine grundlegende
Diagnose richtig ist. Hier besteht Handlungsbedarf!